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Wo unsere Toten leben

--- EZLN ---
22. Oktober 2010

(Die Geografie nach dem Alten Antonio)

September. Es regnet. Wo sonst Wege sind, haben sich vorübergehend kleine Bäche gebildet. In den Mulden eine Wasserlache nach der anderen, überall, auf den Maisfeldern, zwischen Sonnenblumen und angeschwemmten Bäumen. Wie von fern ist eine Stimme zu hören:

Ich komme an. Ich hocke mich so gut ich kann ans Feuer. Nass wie ich bin, ist es mir dennoch gelungen, ein wenig Tabak und ein paar Maisblättchen vor der Feuchtigkeit zu retten. Nur einen kleinen Schluck trinke ich von dem Kaffee, den mir die Juanita reicht mit ihrer Hand, auf der vergangene und zukünftige Kalender gezeichnet sind. Geduldig und beharrlich, wie gewohnt, drehe ich eine Zigarette und entzünde sie an einem Holzscheit.

Mein Name ist Antonio, aber ich glaube, das ist euch bekannt. Der Sup nennt mich den „Alten Antonio“. Und obgleich ich schon tot bin, erscheine ich ab und an wieder, um bereits vergangene Geschichten zu erzählen. Der Sup und ich, wir haben uns schon vor vielen Regenzeiten kennengelernt, und er kommt immer wieder und stellt mir Fragen, und ich antworte mit anderen Fragen … oder mit Geschichten.

Fast immer folgt auf das Anzünden der Zigarette das Wort. Manchmal holt der Sup seine Pfeife aus der Tasche … aber nicht immer … sein Tabak ist nämlich ständig nass vom Schweiß … oder vom Regen … oder von der Liebe … oder weil ihn die Strömung bei der Überfahrt über den Fluss erfasst und Pirouetten drehen lässt … und er kommt triefend in der Hütte an … und dann schiebt ihm die Juanita eine kleine Bank ans Feuer und reicht ihm einen Kaffee, so wie mir … Nun also ich sagte ja, nach dem Anzünden der Zigarette sollte das Wort folgen. Nicht ein hartes Wort, wie ihr Städter es benutzt, sondern einfach und bescheiden … eben so wie wir sind. Aber jetzt folgt nicht das Wort … ich schaue nur zu, wie sich der Rauch der Zigarette wie eine Schlange windet und mit dem Rauch des Feuers vermischt.

So verweile ich, rauche und trinke Kaffee. Das ist, weil der Rauch keine vergangene Geschichte bringen wird, sondern eine, die noch gemacht werden muss. Und über die Geschichten, die noch zu machen sind, muss man lange schweigen, ehe man über sie redet. So ist es eben hier unten. Da oben dagegen herrscht viel Krach … Lärm … Worte, die schwer zu verstehen sind … und leer.

Ich sagte ja bereits, dass ich schon verstorben bin. Ich bin so im Jahr 94 gestorben. Viele erinnern sich nicht, oder sie tun zumindest so, aber das war das Jahr, in dem wir uns gegen die schlechten Regierungen erhoben haben. Und hier bin ich immer noch … hier sind wir immer noch. „Verstorben“ heißt soviel wie tot. Obwohl unsere Toten hier leben. Sie leben, ja, aber nicht, weil wir das wollen, wie es eben so ist ... nicht, weil wir ihre Erinnerung wach halten, wie es eben so ist. Sie leben, weil sie uns eine Aufgabe hinterlassen haben, eine unerledigte Sache, etwas, was wir noch tun müssen.

Aus diesem Grund müssen wir immer wieder dorthin gehen, wo unsere Toten leben, um der Aufgabe gerecht zu werden, diese Pflicht zu erfüllen. Und es ist nur dort, wo Ort und Zeit bekannt sind, das Wann und das Wo, oder, wie ihr Städter sagt, der Kalender und die Geografie.

Es ist nicht in den Zeiten oder an den Orten von oben.
Es ist hier unten, wo unsere Geografie ist.
Wo unsere Toten leben.

Antonio, der Alte Antonio.

September 2010.
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