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ZOFF UM LABEL

--- Wolf Südbeck-Baur ---
7. Juli 2006

Kontraproduktiv und politisch fragwürdig sei das Max Havelaar-Logo geworden. Als erste Fair Trade Organisation der Schweiz hat der Zürcher Verein Café RebelDía das Gütesiegel für gerechten Handel zurückgegeben. Die Stiftung der Hilfswerke kontert, die Kritik sei überholt.

„Die Politik der Max Havelaar-Stiftung läuft in die falsche Richtung“, begründet Philipp Gerber den Verzicht von Café RebelDía auf das Gütesiegel des fairen Handels. „In den letzten Jahren konzentriert sich die Stiftung sehr stark auf Umsatzwachstum, kaum noch auf die ursprüngliche Idee des fairen Handels.“ Nach diesem Konzept soll mit den Mehreinnahmen den Produzenten von Kaffee, Kakao, Honig, Tee, Reis usw. nicht nur ein fairer Preis gezahlt werden. Aufgrund des höheren Preises, den die Konsumenten hierzulande zahlen, fliessen den Erzeugern in den Entwicklungsländern zusätzlich Finanzen zur Verbesserung ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen zu. „Diese Werte spielen in der Max Havelaar-Strategie kaum mehr eine Rolle“, kritisiert Café RebelDía-Mann Gerber. Im Vordergrund stünden bei den Labelorganisationen vielmehr „möglichst weitere grosse Unternehmen wie Nestlé oder Starbucks unter Vertrag zu nehmen, und dies zu jedem Preis“. Demgegenüber versteht Café RebelDía sein Engagement für den alternativen Handel „als Beispiel für eine Globalisierung von unten mit antikapitalistischer Perspektive“.
Das brachte das Fass zum Überlaufen. Im Mai dieses Jahres kündigte Café RebelDía die Zusammenarbeit mit der Max Havelaar-Stiftung auf. „Nach harten Auseinandersetzungen haben wir uns entschlossen, das Label aufzugeben“, sagt Gerber trocken. Vasna Stimac, Mediensprecherin der Max Havelaar-Stiftung, bestätigte dies auf Anfrage. „Nicht tangiert von diesem Labelverzicht sind die Produzenten der Kooperative Mut Vitz in Chiapas“, betont Stimac. „Darum können wir den Verzicht von Café RebelDía verschmerzen.“

Ethische Etikette

Sauer aufgestossen ist dem Verein etwa, dass der Kaffeehausriese Starbucks 2003 von Max Havelaar das Label für fairen Handel erhielt und es immer noch führen darf. Dies obwohl der Anteil des gelabelten Starbucks-Kaffees in der Schweiz nur minimalen Anteil des Gesamtumsatzes ausmache, wie Ethnologe Gerber gegenüber dem aufbruch betont. In der Tat erklärt das Kaffeehaus auf seiner Homepage unter dem Stichwort „Fair Trade Kaffee“, „faire Preise für alle eingekauften Kaffees zu bezahlen“ und suggeriert damit, 100 Prozent des Starbucks-Kaffees seien fair gehandelt. Doch von Fairness könne bei Starbucks nicht die Rede sein, unterstreicht Gerber.
Der Ethnologe, der kürzlich ein Buch über die Produktion des zapatistischen Kaffee publizierte*, weiss, wovon er spricht. Wie Café RebelDía – der Verein verkauft bei einem Umsatz von 200 000 Franken jährlich 15 Tonnen Kaffee, den sie bei zapatistischen Kooperativen im mexikanischen Chiapas bezieht – kauft Starbucks seinen Kaffee unter anderem in Chiapas, Mexiko, ein. „Dabei arbeiten sie mit der Naturschutzorganisation Conservation International zusammen, welche die Vertreibung von rebellischen Gemeinden unterstützt. Diese sollen das Naturschutzgebiet ‚Montes Azules’ verlassen, nicht zuletzt, da sie der Ausbeutung des biologischen Reichtumgs im Wege stehen“, schreibt Gerber und die Gruppe „Direkte Solidarität mit Chiapas“ in einem Flugblatt. Der Starbucks-Konzern arbeite also heute noch Seite an Seite „mit einer von der Wirtschaft gesponserten Organisation, welche fumdamentale Verletzungen von Menschenrechten propagiert“. Gerber folgert: „Das Regelwerk des fairen Handels, das für gerechtere Handelsbeziehungen stand, wird damit untergraben.“ Es sei „die Politik der grossen Kaffeehändler, Max Havelaar als ihre ethische Etikette und als Imageträger zu benützen“.
Bei Max Havelaar quittiert man derlei Kritik mit dem Hinweis: „Grundsätzlich sind wir offen für Gespräche mit allen Interessenten“, so Vesna Stimac. Auf Starbucks angesprochen sagte die Havelaar-Sprecherin, dass Gespräche derzeit laufen. „Wir wollen die Zusammenarbeit mit Starbucks intensivieren mit dem Ziel, dass das Kaffeehaus sein Angebot fairer Produkte erweitert.“ Und zum Fall Nestlé macht Stimac klar, „dass es die englische FairTrade-Organisation war, die einer Nestlé-Linie das Fair Trade-Siegel verliehen hat“. „Weil wir kein Feigenblatt sein wollen, würden wir das in der Schweiz nicht machen“, beteuert Stimac.

Vertrauen gefährdet

Café RebelDía-Mann Gerber übt grundsätzliche Kritik an der Politik des Mainstreamings, mit der die inzwischen abgelöste frühere Max Havelaar-Chefin Paola Ghillani auf Wachstumskurs – 2005 steigerte die Stiftung den Umsatz um 5 Prozent auf 221 Millionen Franken – ging. Grosse Kaffeemarktführer wie Nestlé, Starbucks und Mc Donalds wurden im Boot des fairen Handels aufgenommen. Von der Umsatzsteigerung profitierten „über eine Million Bauern und Arbeiterinnen weltweit“, teilt Max Havelaar mit. Auf den weltweiten Kaffeehandel bezogen sei der Anteil des fairen Handels mit weniger als 5 Prozent allerdings noch viel zu gering, ergänzt Gertrud Meyer, Geschäftsleiterin der claro fair trade ag.
„In den letzten Jahren ist es der Max Havelaar-Stiftung in der Schweiz gelungen, fair gehandelte Produkte aus der alternativen Nische herauszuholen und in den Grossverteilern zu verankern“, hält Max Havelaar-Sprecherin Stimac nicht ohne Stolz fest.
Gerber kontert: „Ein Kilo Kaffee zu einem besseren Preis bewegt gar nichts.“ Für substantielle Veränderungen der Lebensbedingungen der Produzenten brauche es vielmehr weitere politische und soziale Prozesse wie zum Beispiel die Stärkung der Organisation und Selbstverwaltung der Kaffeebauern und ihrer Gemeinden. Ansonsten könne von fairen Handelsbeziehungen, argumentiert Gerber weiter, keine Rede sein. Und da „das Label für den fairen Handel Vertrauenssache ist, wird dieses Vertrauen durch die Mainstream-Strategie von Max Havelaar gefährdet“. Laut Gerber habe eine Umfrage der Zürcher Soligruppe gezeigt, dass die Konsumenten verunsichert seien und sich fragten: wie fair ist der Kaffee bei Coop, Migros oder Denner usw. wirklich?
Max Havelaar-Frau Vesna Stimac hält dagegen: „Max Havelaar hält genau dieselben Standards ein, die weltweit für den fairen Handel gelten.“ Vertrauen sei darum „Ansichtssache“. Max Havelaar gehe es um ein „nachhaltig wirksames Wachstum, bei dem die Glaubwürdigkeit oberste Priorität hat“. Daher stünde bei der Max Havelaar-Strategie derzeit nicht die Lancierung neuer Produkte im Vordergrund. „Es gilt, die Qualität unserer fairen Produkte zu konsolidieren“, so Stimac. In diesem Sinne halte die Max Havelaar-Stiftung an der bisherigen Strategie fest, betone aber vermehrt die entwicklungspolitische Komponente. Zudem wolle die Schweizer Labelorganisation ihre Stimme intensiver in den internationalen Fair Trade Verbund einbringen. Insgesamt gesehen, resümiert Vesna Stimac, „kritisiert der Verein Café RebelDía Dinge, die seit einem Jahr nicht mehr aktuell sind“.

Label ist sauber

Auch Gertrud Meyer bekräftigt: „Das Vertrauen in das Max Havelaar-Gütesiegel ist gerechtfertigt.“ Ohne Umschweife bestätigt die claro-Chefin die Diskussionen um das Havelaar-Label, macht aber im selben Atemzug deutlich: „Wir haben Kritik und Zweifel an der Berechtigung des Labels überprüft und immer sagen können, das Label ist sauber.“ Für Meyer ist klar: „Mit dem neuen Max Havelaar-Direktor Martin Rohner hat sich der Dialog und die Transparenz der Stiftung deutlich verbessert.“ Von daher sei ihr der Zeitpunkt des Label-Verzichts von CaféRebelDía nicht ganz verständlich.
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