café Rebeldía Infos Hintergrund aktiv über uns links Bilder  
 

infos

 


News
Correos de las Americas
Articulos en español
Communiques (de | es)
Suche im Archiv

 
 

NEWS

 
18.7.2010
Newsletter Juli 2010
1.7.2010
Alle 12 politischen Gefangene von Atenco freigelassen
23.6.2010
Solifiesta 15-10
19.6.2010
Adeus, Saramago
10.6.2010
Rote Karte für die mexikanische Regierung!
10.6.2010
Südmexiko Soli-Newsletter Juni 2010
1.6.2010
Dritter paramilitärischer Angriff innerhalb eines Monats in Oaxaca
22.5.2010
SÜDMEXIKO - SOLINEWSLETTER MAI 2010
12.5.2010
Oaxaca. Opfer werden zu Täter gemacht
28.4.2010
Paramilitärs greifen Friedenskarawane in Oaxaca an; zwei Tote
 
| »

Die Mühen der Kaffeeberge

--- Philipp Gerber ---
1. Dezember 2006

Die Kaffeekooperative Mut Vitz als Pionierprojekt zapatistischer Solidarökonomie

In Chiapas, im Südosten Mexikos, setzen die Indigenen ihre Vorstellungen einer „anderen Welt“ um, ohne auf die Erlaubnis von Seiten des Nationalstaates zu warten. Auch im ökonomischen Bereich gibt es viele Experimente, die hier im Zentrum der Reflexion stehen.

Nach vielen, meist negativen Erfahrungen im Rahmen staatlich gelenkter Kooperativen und Bauernorganisationen verschiedenster Couleur gehen die zapatistischen Familien in Chiapas neue, völlig eigenständige Wege: Nachdem die Umsetzung der Friedensabkommen scheiterte, verabschiedeten sich die Zapatistas vom staatlich gelenktem Korporativismus und bauen nun ihre indigene Selbstverwaltung „ohne Bewilligung“ auf, ganz im Sinne eines „Rechts auf die Konstruktion einer eigenen Modernität“ (Giménez, 1994). Die rebellischen Indigenen wollen ein Teil einer neu zu definierenden mexikanischen Nation sein und pochen sowohl auf das „Recht auf Gleichheit“, das heisst Nicht-Diskriminierung, wie auch das „Recht auf Differenz“, also Respekt gegenüber ihrer indigenen Kultur. Die indigene Bewegung setzt somit in ihrer Autonomie einen Gegenentwurf zum assimilatorischen Modell des (neo-)liberalen Nationalstaates um – und stellt diesen damit auch grundsätzlich in Frage. Was die Zapatistas bisher an ökonomischen Solidarstrukturen aufbauen konnten, sehen wir am Beispiel der Kooperative Mut Vitz, deren Kaffee auch in Europa in rund 10 Ländern von solidarischen Verkaufsstrukturen vertrieben wird (darunter in Deutschland von Café Libertad).

Das „Cargo zapatista“ - die Last der Solidarität

Die Kooperative Mut Vitz – „Berg der Vögel“ in der Maya-Sprache Tzotzil – wurde für die zapatistischen Bauern der Region El Bosque und Simojovel im Hochland zum Symbol ihrer Identität als „Bauern im Widerstand“. 600 Familien sind darin organisiert, jährlich exportieren sie 150 bis 250 Tonnen Rohkaffee zu einem fairen Preis mit Bio-Zuschlag über die Kanäle des alternativen und fairen Handels. In dem halben Jahr, in welchem ich die Kooperative im Rahmen einer ethnologischen Feldforschung bei ihrer Arbeit begleitete, durchlebte sie jedoch auch profunde Krisen. Eines der Grundprobleme besteht im Anspruch, die Geschäfte der Kooperative ohne professionelle Unterstützung und ohne bezahlte Funktionäre zu betreiben, ganz im Sinne des berühmten indianischen „cargo“ (Last, unentgeltliche Aufgabe für die Gemeinde). Andere Kooperativen stellen mindestens einen externen Berater an oder beauftragen ein ganzes Gremium mit der Vermarktung. Nicht so die Zapatistas, welche aufgrund ihrer schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit nicht mehr von Beratern abhängig sein wollen. So müssen im Rotationsprinzip immer neue Bauern die „cargos“ übernehmen, auch die administrativen Arbeiten des Vorstandes, die dem „cargo“-Inhaber kaum mehr das Bestellen der eigenen Kaffefelder ermöglicht.
Meine Annahme, die Erfüllung eines „cargo“ bringe dem Amtsträger – neben Schulden – wenigstens ein hohes symbolisches Kapital ein, bestätigte sich nicht: Viele einfache Mitglieder sehen nur, dass der Vorstand ständig und auf Kosten der Kooperative in die Stadt reist und sich dabei – im Vergleich zur Arbeit auf dem Feld – die Hände nicht schmutzig macht. Die Schwierigkeiten des Know-how-Transfers durch die hohe Fluktuation in den Ämtern sowie die fehlende Wertschätzung der „cargos“ waren während meines Aufenthalts die wichtigsten Diskussionspunkte unter den Bauern. Damit einher gehen die ungeliebten Ausgleichsleistungen – im Sinne von „gegenseitiger Hilfe“ für schwer belastete „cargo“-Träger: Die nach der zapatistischen Ideologie vorgesehenen kollektiven Arbeiten der anderen Gemeindemitglieder zur Unterstützung der „cargo“-Träger werden nur selten erfüllt, was symptomatisch für die Kluft zwischen ideologischem Anspruch und Wirklichkeit ist. So bleibt den Kooperativenverantwortlichen nichts anderes übrig, als sich auf die Solidarität innerhalb der Familie zu verlassen, um die finanziellen Einbussen in Grenzen zu halten. Der kurze Kommentar eines Vorstandsmitglieds umschreibt seine Situation treffend: „Ich muss einfach durchhalten, weil mich meine Genossen wählten.“ (Gerber 2005, 97)
Die Diskussion um die „cargos zapatistas“ ist eine der zentralen Auseinandersetzungen in den Gemeinden im Widerstand: Das traditionelle „cargo“-System wurde in den zapatistischen Familien politisch aufgeladen und neu belebt – aber immer noch ist ein „cargo“ „wirklich ein Albtraum (…) fast eine Strafe“, wie Subcomandante Marcos die Wahl von „cargo“-Trägern umschreibt (Le Bot/Marcos 1997) Offen bleibt auch die Frage, wie nachhaltig das System dieser Fronarbeit für das Gemeinwohl unter den Bedingungen der extremen Armut funktionieren kann.

Bio-Bauern im Widerstand

Neben den Herausforderungen der sozialen Organisation bereiten der jungen Genossenschaft auch finanzielle Fragen wie Korruptionsvorwürfe und die fehlende Kapitalisierung grössere Probleme. Doch es gibt trotz aller Schwierigkeiten auch Erfolge zu verzeichnen, dazu zählt insbesondere die Umstellung der Produktion auf biologische Landwirtschaft. Der Biolandbau erfordert Mehrarbeit auf dem Feld, ist aber Vorbedingung für den Marktzugang. Für das Selbstbild der Bauern ist diese neue Produktionstechnik von grosser identitärer Bedeutung: Sie befinden sich als Zapatistas und Kooperativen-Mitglieder nicht nur in einer Protesthaltung, sondern produzieren eine bessere Kaffeequalität, die gemeinsam zu einem höheren Preis absetzt werden kann. Angesichts der schwankenden Kaffeepreise, der Korruption und der an klientelistische Seilschaften geknüpften Armutsbekämpfungs-Programme der Regierung erweist sich diese Art der Landwirtschaft für die Bauern im Widerstand als wirtschaftlich valable Alternative: Sie müssen keine Kunstdünger und andere Almosen des Staates annehmen und können ihr Produkt über die Nischenmärkte des alternativen und fairen Handels absetzen. Der Wandel in der Produktion veränderte so stark die Eigen- und Fremdwahrnehmung. Die Kaffeekooperative wurde für die Unterstützungsbasen der EZLN zum Netzwerk der regionalen Solidarität, das inzwischen eine große Bedeutung für die Kohäsion der Familien und die Konsolidierung der indigenen Autonomie hat.

Die Kooperative und der zapatistische „Rat der guten Regierung“

Die junge Kooperative Mut Vitz exportiert – und das ist eine Ausnahme im fairen Handel – ohne technische Berater: „Wir kommen alleine voran“, wie die Mitglieder voller Stolz sagen. Im Rotationsprinzip übernehmen einfache indigene Bauern die Management-Aufgaben sowohl der internen Organisierung wie auch des Exports von jährlich bis zu 15 Containern Kaffee (ein Container = 17.5 Tonnen). Ganz alleine können die Vorstandsmitglieder jedoch nicht schalten und walten, wie sie möchten, begann doch die politische Führung der Zapatistas – als Schwachstellen in der Geschäftsführung der Kooperative sowie Verleumdungen gegenüber einer neuen, ebenfalls zapatistischen Kooperative bekannt wurden – die Autonomie von Mut Vitz zu beschneiden. Alle Geschäftstätigkeiten müssen der regionalen zapatistischen Verwaltung rapportiert werden, dem „Rat der guten Regierung“, der ebenfalls ehrenamtlich und im Rotationsprinzip funktioniert. Auch die anderen Kooperativen haben in den „Caracoles“, den regionalen Verwaltungszentren, ihr Büro. Die politischen Instanzen der sozialen Bewegung nehmen somit eine Kontrollfunktion über die ökonomischen Projekte wahr. Doch auch zur Eindämmung des Gutmenschen- Paternalismus haben die „Räte der Guten Regierung“ eine wichtige Funktion: Über die Entwicklung und Zielsetzung der Projekte innerhalb der zapatistischen Autonomie sollen nicht mehr NGO’s mit ihrer ökonomischen Macht entscheiden können. Auch sorgt die Autonomieverwaltung für einen minimalen sozialen Ausgleich innerhalb der Unterstützungsbasis. Eine Kooperative schafft dies kaum: Eine vergleichsweise gut gebettete Bauernfamilie, in der jeder erwachsene Mann zwei Hektaren Kaffee bewirtschaftet, setzt auch über die Kooperative mehr Kaffee ab als sein armer Nachbar, der eine Viertelhektar Kaffee sein eigen nennt. Die Kooperative ist in erster Linie ein Verkaufskanal. Meines Erachtens ist für eine umfassende soziale Entwicklung der Gemeinden neben der Organisierung in Kooperativen und anderen ökonomischen Projekten das politische Dach einer sozialen Bewegung unerlässlich.
Für die Autonomiebewegung ist eine ökonomische Basis, wie sie über die Kooperativen erreicht wird, von vitalem Interesse. Der Historiker Andrés Aubry ist überzeugt: „Die Zapatistas bauen inmitten des Krieges den Frieden auf.“ Die vier Säulen der zapatistischen Autonomie sind: Ökologische Landwirtschaft, Schulbildung und ärztliche Versorgung sowie die Vermarktung ihrer Produkte." (Gerber 2005, 141f.) Die Kreisläufe der Unterwürfigkeit, der Almosen und der Landflucht können durch die solidarischen Vermarktungsstrukturen durchbrochen werden.

Fragile Netzwerke und enge Nischen


Die Kooperative Mut Vitz und ihre Mitglieder stehen in einem Spannungsverhältnis von Kooperation und Konkurrenz gegenüber den anderen Kooperativen. Zudem müssen die Kooperativen für die Mitglieder nicht zuletzt eine finanziell attraktive Alternative zu den normalen Absatzkanälen sein – jederzeit, auch bei stark schwankenden Börsenpreisen. Und immer wieder stellt sich die Frage nach der Tragfähigkeit dieser alternativen Ökonomie. So brachte Anfang 2005 eine durch Spekulation bedingte Börsenhausse die Kooperativen in Verlegenheit, da viele Mitglieder das schnelle Geld des Zwischenhändlers vorzogen und ihre Versprechen gegenüber den Kooperativen nicht einlösten. Hermann Bellinghausen von der mexikanischen Tageszeitung La Jornada bringt das auf den Punkt: „Eine Beziehung, die um eine Tasse Kaffee entsteht, ist gefährdet […] eine solidarische Mobilisierung könnte sich verlieren. Auf dem Spiel stehen so auch die fragilen Formen von Autonomie und Widerstand.“ (Bellinghausen 2005, zit. in Gerber 2005, 170) Die solidarischen Käuferkollektive erschraken ob der Krise unter den veränderten Marktbedingungen und zweifelten an der als solidarisch-politisch verstandenen Beziehung mit den Zapatistas. Dank der Koordination der nordamerikanischen und europäischen Kaufkollektive (Solidaritätsgruppen, kleine Röster und FairTrader, die sich in Europa als Netzwerk unter dem Namen „RedProZapa“ – Red de Comerzialización de Productos Zapatistas“ zusammegeschlossen haben), gelang ein länderübergreifender Austausch von Überkapazitäten und Nachfrage, sodass die plötzlich zur Mangelware gewordene zapatistische Kaffeebohne weiterhin in der Tasse ihr „Aroma der Rebellion“ verbreiten konnte.
Diesen Artikel drucken