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Chronologie
Chiapas, wo ist das?
 
 

Chronologie


1974:

Erster indigener Kongress in San Cristóbal de las Casas, organisiert von der Diözese von Bischof Samuel Ruiz.

1983:

Sechs Personen gründen am 17. November die erste Zelle der EZLN im Lakandonischen Urwald.

1983-1994:

Die EZLN organisiert während zehn Jahren klandestin die indigene Bevölkerung in den Regionen Norte, Altos und Selva.
 
1994

1.1.: Die EZLN besetzt die Bezirkshauptorte San Cristóbal de las Casas, Ocosingo, Altamirano, Las Margaritas, Oxchuc, Huixtán, Abasolo, Chanal und Larráinzar. Gleichzeitig mit dieser überraschenden Guerillaoffensive tritt Mexiko dem nordamerikanischen Freihandelsabkommen NAFTA bei.
2.1.: Subcomandante Marcos verliest in San Cristóbal die "Erste Erklärung aus dem Lakandonischen Urwald": "Heute sagen wir: es reicht!" Die Zapatistas begründen mit 13 Forderungen ihren Kampf: Arbeit, Land, Wohnung, Nahrung, Gesundheit, Bildung, Unabhängigkeit, Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit, Frieden, Information und Kultur; die EZLN nimmt den früheren Gouverneur von Chiapas, Absalón Castellanos, auf seinem Herrensitz fest und macht ihm den Prozess als "einem der gewalttätigsten Gouverneure in der Geschichte von Chiapas"; sie lässt ihn einige Wochen später wieder frei mit der Strafe, "bis zum Ende des Lebens mit der Schande leben zu müssen".
2.-11.1.: Bombardierung indianischer Gemeinden durch die Regierungstruppen. Es kommen Pilatus-Flugzeuge, hergestellt in Stans, zum Einsatz. Es werden neben der Zivilbevölkerung auch Journalisten verletzt. Gewaltakte, Massenerschiessungen und Vertreibungen durch Bundesarmee und "Guardias Blancas" (Pistoleros der Grossgrundbesitzer); weltweite Proteste und Sympathiebekundungen für die Sache der Zapatistas.
12.1.: Hunderttausend Personen demonstrieren in Mexiko-Stadt gegen den Krieg in Chiapas; Präsident Salinas de Gortari ruft einen einseitigen Waffenstillstand aus.
Ende Jan.: Erste Demonstration anlässlich des WEF in Davos gegen die Anwesenheit des mexikanischen Präsidenten Salinas.
Feb./März: Erste Friedensgespräche zwischen der Regierung und der EZLN unter Vermittlung von Samuel Ruiz.
12.3.: Schweizweite Demonstration zur Unterstützung der Zaptistas in Zürich mit über 500 Personen.
6.-9.8.: Treffen des "Nationalen Demokratischen Konvents" CND. Mehr als 6000 Personen treffen sich mit der EZLN im eigens dafür gebauten "Aguascalientes" in Guadalupe Tepeyac.
21.8.: Präsidentschaftswahlen: PRI-Kandidat Ernesto Zedillo wird in einer unsauberen Wahl neuer Präsident.
10.10.: EZLN bricht Gespräche mit der Regierung ab.
19.12.: Zweite militärische Offensive der EZLN; über tausend KämpferInnen durchbrechen den Sperrgürtel der Bundesarmee, vermeiden aber jeden bewaffneten Zusammenstoss; sie besetzten 38 Ortschaften und erklären sie zusammen mit der Lokalbevölkerung zu "autonomen aufständischen Gemeinden".
Dez.: Eine der schwersten Finanz- und Wirtschaftskrisen erschüttert das Land: Freigabe des Wechselkurses, Einbruch des Pesokurses um 40 %, massive Kapitalflucht.
 
1995

9.2.: Präsident Zedillo gibt die vermeintliche Identität von Subcomandante Marcos als Rafael Sabastian Guillén Vicente bekannt; Zedillo erlässt Haftbefehle gegen ihn und weitere Mitglieder der EZLN-Führung; Bundesarmee und Polizeieinheiten dringen in zapatistisch kontrollierte Gebiete ein und besetzen die Dörfer; die Zapatistas ziehen sich tief in den lakandonischen Urwald zurück, oft fliehen ganze Dorfgemeinschaften mit ihnen; es kommt nicht zu einer Konfrontation zwischen den beiden Armeen.
Februar/März: In Mexiko und weltweit finden wiederum grosse Mobilisierungen gegen den Krieg in Chiapas statt, so auch in Zürich. Die Öffentlichkeit zwingt den Präsidenten Zedillo, die Militäroffensive zu beenden. In der Folge dieser Mobilisierungen entsteht die "Direkte Solidarität mit Chiapas".
April: Vorbereitungen für weitere Friedensverhandlungen.
Sommer 95: Die Bundesarmee beginnt mit der Ausbildung der Paramilitärs in Chiapas; "Paz y Justicia" ermorden und vertreiben Oppositionelle in der Zona Norte.
August: 1.3 Millionen MexikanerInnen sprechen sich bei der ersten "Nationalen Befragung für den Frieden und die Demokratie" dafür aus, dass sich die EZLN in ein "landesweites, unabhängiges politisches Forum" umwandelt.
 
1996

1.1.: Die EZLN ruft als Antwort auf die nationale Befragung die "Zapatistische Front der Nationalen Befreiung" ins Leben, politischer und zivilier Ausdruck der zapatistischen Bewegung.
16.2.: Bei den Verhandlungen von San Andrés wird ein erstes Abkommen über "Indigene Rechte und Kultur" unterzeichnet. Der erste Verhandlungstisch (von insgesamt sieben) wurde somit beendet. Eine zweite Verhandlungsrunde scheitert im August desselben Jahres u. a. weil das erste Abkommen nicht umgesetzt wird.
29.7.-3.8.: Erstes "Intergalaktisches Treffen für die Menschlichkeit und gegen den Neoliberalismus" mit über 3000 Leuten aus 54 Ländern findet in den zapatistischen Gemeinden statt.
10.-12. 10.: Erster "Nationaler Indigener Kongress" in Mexiko Stadt, an dem die Comandanta Ramona als Delegierte der EZLN teilnimmt.
Nov./Dez.: Die Parlamentskommission COCOPA legt ihren Gesetzesentwurf über die indigenen Rechte und Kultur vor, der von der EZLN akzeptiert, von Zedillo jedoch abgelehnt wird. Zedillo macht einen eigenen Vorschlag, der mit den ursprünglichen Abkommen von San Andrés nicht mehr viel zu tun hat.
20.-22.12.: In Zürich findet eine europaweite Sitzung der Soligruppen statt, an der 150 Delegierte teilnehmen. Das zweite Intergalaktische Treffen wird beschlossen.
 
1997

16.1.: Die Zapatistas lehnen den Vorschlag von Zedillo zu den indigenen Rechten ab. Die Friedensverhandlungen sind weiter unterbrochen.
29.7.-3.8.: Zweites "Intergalaktisches Treffen für die Menschlichkeit und gegen den Neoliberalismus" in Spanien. Die WTO und andere Institutionen des Neoliberalismus werden Thema.
9.9.: Marsch von 1111 vermummten Zapatistas nach Mexiko Stadt, um die Umsetzung der Abkommen von San Andrés zu fordern und am zweiten "Nationalen Indigenen Kongress" teilzunehmen.
August-Dezember: Immer mehr autonome zapatistische Bezirke praktizieren offen ihre Selbstverwaltung und setzen so die Abkommen von San Andrés de facto um. Die Übergriffe der Paramilitärs mehren sich, nun auch in den Altos. Hunderte von Familien werden vertrieben.
22.12.: Massaker in Acteal im Bezirk Chenalhó: 45 Menschen werden von Paramilitärs erschossen oder niedergemetzelt. Polizei und Militär bleiben untätig. Der lokale PRI-Gemeindepräsident wird verhaftet, der Gouverneur von Chiapas und der Innenminister müssen den Hut nehmen, werden jedoch nicht zur Verantwortung gezogen. Insgesamt sind 20'000 Leute durch die paramilitärische Gewalt intern Vertrieben.
 
1998

Januar: Weltweite Solidaritätskundgebungen in der Folge des Massakers von Acteal: in Rom demonstrieren 50'000 Leute, in Zürich 500. In Genf wird das mexikanische Konsulat besetzt.
Januar-Juli: Die Bundesarmee fällt in mehreren autonome Bezirken ein und verhaftet die Ratsmitglieder. Die autonomen Verwaltungen funktionieren klandestin weiter.
Feb./März: Die europäische Solibewegung organisiert die "internationale Kommission zur Beobachtung der Menschenrechte", die die Konfliktentwicklung vor Ort recherchiert und einen Bericht der UNO und verschieden Parlamenten übergibt.
Mai: Eine italienische Beobachtungs-Delegation von 120 Leuten wird aus Mexiko ausgewiesen.
10. 6.: Bei der Räumung des autonomen Bezirks San Juan de la Libertad (El Bosque) werden in einem Feuergefecht acht Dorfbewohner und zwei Polizisten getötet. Die genauen Umstände der Schiesserei bleiben bis heute unklar.
19.7.: Mit der "Fünften Erklärung aus dem Lakandonischen Urwald" bricht die EZLN ihr monatelanges Schweigen und ruft zur "Nationalen Befragung gegen den Krieg der Ausrottung" auf.
 
1999

21.3.: An der "Nationale Befragung" werden fast 3 Millionen Stimmen abgegeben und somit die politischen Forderungen der indigenen Bewegung legitimiert. 5000 Zapatistas begleiteten und promovierten die "Consulta" im ganzen Land.
April-Juli: Die Bundesarmee intensiviert den "Krieg niederer Intensität" mit immer neuen Übergriffen auf indigene Gemeinden.
14. 8.: Die Bundesarmee besetzt unter Einsatz von Fallschirmjägern ein Landstück beim Dschungeldorf Amador Hernández und hält somit eine weitere Position am Eingang des Naturschutzgebietes "Montes Azules", wo sich die Truppen der EZLN versteckt halten. Die widerständige Bevölkerung demonstriert über ein Jahr lang täglich gegen das Militärcamp.
15.9.: Am Tag der mexikanischen Unabhängigkeit wird ein Fest der mexikanischen Botschaft in Bern durch eine lautstarke Kundgebung gestört.
15.-25.11.: Zweite "internationale Kommission zur Beobachtung der Menschenrechte" analysiert den Konfliktverlauf und übergibt den Bericht Mary Robinson, der UNO-Sonderbeauftragten für Menschenrechte.
 
2000

Januar-Juli: Angespanntes Wahlkampfklima. Die EZLN befürchtet einen militärischen Schlag des scheidenden Präsidenten Zedillo.
12. 6.: In El Bosque gerät eine Polizeistreife in einen Hinterhalt. Sieben Polizisten werden getötet, zwei weitere Personen verletzt. Die Urheberschaft wird unter den Paramilitärs vermutet, verhaftet werden jedoch zwei Zapatistas.
2.7.: Die PRI wird bei den Präsidentschaftswahlen nach 71 Jahren an der Macht durch Vicente Fox von der konservativen PAN besiegt. Die sozialdemokratische PRD verliert an Gewicht. PRI und PAN dominieren zusammen auch die Parlamentskammern.
1.12.: Vicente Fox übernimmt die Macht und ordnet die Auflösung der Militärsperren auf den Strassen von Chiapas an.
2.12.: Die EZLN zeigt sich offen gegenüber der neuen Regierung und betont ihren Willen für eine politische Lösung des Konflikts. Sie fordert drei Signale von Seiten der Regierung zum Beweis ihres Friedenswillens: Freilassung der zapatistischen Gefangenen, Rückzug der Bundesarmee aus sieben (von 259) militärischen Positionen und Umsetzung des ersten Abkommens von San Andrés. Ausserdem kündigt die EZLN den "Marsch für die indigene Würde" an, mit dem die Zapatistas für die COCOPA-Gesetzesinitiative zu den indigenen Rechten und Kultur eintreten wollen.
22. 12: Die Bundesarmee zieht sich aus der ersten der sieben Positionen, deren Räumung die EZLN fordert, zurück: Amador Hernández.
31.12.: Nahe Oventic besetzt eine Demonstration von 700 Zapatistas einen Militärstützpunkt, der eine halbe Stunde nach ihrem Abzug geräumt wird. Die Feiern zum Jahrestag des Aufstandes verlaufen ruhig.


 2001

Jahresbeginn: Zapatistische Mobilisierungen erreichen den Rückzug der mexikanischen Bundesarmee aus zwei ihrer 259 Positionen. Nach der Räumung des umstrittenen Militärcamps von Amador Hernandez am 22. Dezember, gegen das die Dorfbevölkerung seit der militärischen Besetzung im August '99 täglich demonstriert hatte, protestierten am 31. Dezember frühmorgens 700 zum Teil vermummte Zapatistas gegen das Militärcamp von Jolnachoj. Die 200 dort stationierten Soldaten wurden zum unverzüglichen Abzug aufgefordert. Nach einer halbstündigen Kundgebung in angespannter Atmosphäre zogen die Demonstrierenden in das fünf Minuten entfernte Aguascalientes Oventic ab, um dort die Feiern zum siebenjährigen Jubiläum des zapatistischen Aufstandes zu beginnen. Kurz darauf packten die Soldaten ihre Sachen und zogen ab - anscheinend auf direkten Befehl des neuen Präsidenten Fox, der eine Konfrontation mit den Demonstrierenden vermeiden wollte.

Die Freilassung der zapatistischen Gefangenen, ebenfalls eine Vorbedingung der EZLN, kommt langsam voran. Am 30. Dezember wurden 16 freigelassen, aber weitere 85 Gefangene warten auf das Resultat der Haftüberprüfung, die der neue chiapanekische Gouverneur Pablo Salazar angeordnet hat.
Im nationalen Parlament wird das erste Abkommen über indigene Rechte und Kultur in den folgenden Wochen diskutiert werden. Die Erfüllung dieses Abkommens von San Andrés ist der dritte Punkt für die Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen. Zur selben Zeit veröffentlicht der Nationale Sicherheitsrat der USA, eine Abteilung des CIA, seinen Bericht "Globale Tendenzen 2015". Nach Einschätzung des CIA steht Lateinamerika einer neuen Bedrohung gegenüber: den indigenen Widerstandsbewegungen: "Diese Bewegungen haben grossen Zuwachs zu verzeichnen. Erleichtert wird dies durch transnationale Netzwerke von Aktivisten, die ür die Rechte der Indígenas eintreten, durch internationale, gut finanzierte Menschenrechts und Ökologiegruppen". Ausserdem sagen die Experten voraus, dass sich die "Spannungen im Gebiet von Mexiko bis über die Amazonas-Region verschärfen werden". Bereits 1999 hatte das chilenische Militärinstitut "Zentrum für militärische Studien und Untersuchungen" (Centro de Estudios e Investigaciones Militares) einen ähnlichen Bericht namens "Der Konflikt mit den Mapuches und seine Auswirkungen auf die nationale Sicherheit" herausgegeben. Der aktive Widerstand der Mapuches gegen grosse internationale Konzerne, welche den Indigenen ihr Land rauben und ihre naürlichen Lebensgrundlagen zerstören, hat sich in ein Thema der nationalen Sicherheit verwandelt.

5. Januar: Im Militärlager Roberto Barrios scheinen die Soldaten von Roberto Barrios auf alles vorbereitet zu sein, ausser auf einen Abzug aus diesem Stützpunkt, der im Februar 1996 eingerichtet wurde und weniger als einen Kilometer vom Aguascalientes der EZLN entfernt liegt. Ein doppelter Zaun aus Stacheldraht wurde um das gesamte Militärgelände von Roberto Barrios errichtet: Er schützt die Einrichtungen, verhindert das Eintreten fremder Personen und kennzeichnet das Gebiet, das von der mexikanischen Armee besetzt wird. Nach den Ereignissen von Jolnachoj, wo unbewaffnete Demonstranten die Armee zum Rückzug gezwungen hatten, wurde er zusätzlich verstärkt.
Die Befehlshaber der Militäreinrichtung verweisen auf den Präsidenten: "Der Befehl lautet zu bleiben, zu halten und sich nicht zurückzuziehen", versicherte General Lopez. Pedro, EZLN-Sympathisant meint, dass Päsident Fox die Mexikaner betrügt, wenn er sagt, dass diese Kontrollpunkte nicht änger existierten: "Sehen Sie, hier sind sie, sie überwachen weiter alle Zapatisten, fotografieren die Fremden, und unsere Fahrzeuge werden angehalten und durchsucht, so wie immer. Nichts hat sich verändert."

9. Januar: Etwa 69 ehemalige Spitzel, die für die PRI in Chiapas als Mitarbeiter der "Koordination für Information und Politische Analyse" tätig waren, wurden am 4.Januar bei der Eliminierung des alten Überwachungsapparates durch den neuen Gouverneur Pablo Salazar Mediguchia entlassen. Aus Protest gegen ihre Entlassung verkaufen sie ein Interview an eine Tageszeitung und erzählen, dass die Koordination etwa 90 Mitarbeiter hatte: Vier Rezeptionisten, acht Analytiker zur Informationsauswertung, mehr als 50 "Ermittler" in allen Regionen des Staates und 12 "Sammler", die die täglichen Berichte abfingen. 251 Dossiers mit je mehr als 200 Seiten Umfang bezeugen das Ausmass dieser ätigkeit.
Bereits 1993 leiteten diese aus den Gemeinden angeworbenen Agenten Informationen über die Bewegungen bewaffneter Gruppen in Las Margaritas und Ocosingo an die Regierung weiter, die diesen jedoch keine Beachtung schenkte. Zu ihren Aufgaben gehörte auch die ständige Beschattung von Bischof Samuel Ruiz. Sie infiltrierten sämtliche politische und landwirtschaftliche Organisationen und autonome Gemeinderegierungen und führten detaillierte Berichte über diese Aktivitäten: "Wir erfassten alles: Märsche, Todesfälle, Konferenzen, interne politische Bewegungen jeder Gemeinde, Wahlergebnisse, einfach alles", erzählt ein ehemaliger Ermittler. Als Stichprobe seines Könnens legt ein anderer Informationen über Subcomandante Marcos' Privatleben vor.

10. Januar: Mehr als 20 der 53 "geräumten" Militärbefestigungen in den Gemeinden von Ocosingo, Palenque und Las Margaritas sind in ihre Stützpunkte zurückgekehrt. Die Bewohner der autonomen Gemeinden berichten über erneute Belästigungen und Schikanen der Militärs. Das Schicksal der zwei "verhafteten" Zapatisten der Kooperative "Tierra y Libertad" ist nicht bekannt, in der Gemeinde Primero de Enero wurden die Bewohner von Jawaltón von einer Gruppe Soldaten in Zivilkleidung bedroht. Die Soldaten vergiften das Wasser des Flusses mit Asuntol, einem Desinfektionsmittel für Rinder, und streuen Marijuanasamen auf die Kaffeefelder. In Roberto Barrios werden nachts Militärübungen durchgeführt und Schüsse in Richtung der zapatistischen Gemeinden abgefeuert.
Der Oberbefehlshaber des VII. militärischen Distriktes gibt bekannt, dass sich seit Januar bereits 500 Soldaten aus Chiapas zurückgezogen hätten, dass die Armee aber weiterhin bleiben ürde, um andere wichtige Pflichten "ausser" der Bekämpfung der EZLN wahrzunehmen, die da wären: die Bekämpfung des Drogenhandels, der Grenzschutz und der liebevolle Schutz des Naturschutzgebietes von Montes Azules, um die illegale Abholzung zu unterbinden.
Am selben Tag wird die Militärbasis in Cuxulja im Glanzlicht der Öffentlichkeit geräumt. 20 lateinamerikanische Botschafter klatschen gehorsam Beifall. Friedensbotschafter Alvarez strahlt: "Die Regierung spricht nicht mit Worten, sondern Taten". Die Schau stehlen aber die fast tausend zapatistischen Demonstranten, die sich versammelt haben, um gegen die wirkliche Situation zu protestieren. In einem Kommuniqué denunzieren sie die Lügen der Regierung und erinnern daran, dass sie sich nicht gegen die PRI erhoben haben, sondern gegen das System, das sie erniedrigt und dem Vergessen preisgibt. Der Krieg gegen das Vergessen wird weitergehen, bis die Indígenas in Mexiko anerkannt und nie wieder vergessen werden. Es wird keinen Dialog geben, solange die Regierung nicht bewiesen hat, dass sie zumindest die drei Minimalforderungen ehrenhaft erüllen kann. Ob die Botschafter sich nicht mal den wahren Stand der Militarisierung aus der Nähe ansehen wollten? Antwort: "Das ist im Programm nicht vorgesehen."
Fox verkündet seine Teilnahme am Wirtschaftsgipfel in Davos. Eine grossangelegte Medienkampagne soll das Image Mexikos vor den euroäischen Partner verbessern.

12. Januar: Die zwei verschwundenen Zapatisten der Kooperative "Tierra y Libertad" seien nicht verschwunden, sondern verhaftet worden, wird offiziell erklärt. Ihnen wird zu Lasten gelegt, an einem geplanten Angriff beteiligt gewesen zu sein. Vier weitere zapatistische Gefangene werden freigelassen.
Fast 12.000 indigene EZLN-Sympathisanten fordern in San Cristóbal de las Casas die Erfüllung der drei Forderungen für die Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen. In einer der grössten Demonstrationen der letzten Jahre mahnen die rebellischen Indígenas: "Sieben Jahre nach unserem Aufstand gegen das Vergessen und dem Rassismus, nach sieben Jahren des Widerstandes und des Kampfes für Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit für alle, sagen wir Ihnen, dass der Krieg und der Tod in weiterhin unseren Dörfern leben, weil die Militarisierung und Paramilitarisierung bis heute weitergeht und keine unserer Forderungen erfüllt worden sind".

25. Februar - 28. März: Mit einer spektakulären Reise der EZLN-Führung nach Mexiko-Stadt wird die Umsetzung der 1996 beschlossenen Verträge von San Andrés gefordert. In einer Phase, in der die Regierung auf Propagandaoffensiven, Zermürbung durch scheinheilige Verhandlungen und militärische Repression setzt, wendet sich die EZLN mit diesem Marsch an die Zivilbevölkerung, um den demokratischen Forderungen Nachdruck zu verleihen.
Hunderttausende Menschen begrüssen die Delegation, die auf ihrem Weg durch die massive Anwesenheit in- und ausändischer Firedensbeobachter geschützt wird, immer wieder Halt in indigenen Dörfern macht und auch am "Nationalen Indigenen Kongress in Michiacan teilnimmt.
Den Abschluss der Reise bildete der Auftritt der zapatistischen Comandantes im mexikanischen Kongress. Als erste Rednerin betonte Comandante Ester die dreifache Unterückung der indigenen Frauen.
Sämtliche Reden während des zapatistischen Marsches findet ihr auf der Homepage von Zapapres. Für eine genauere Beschreibung der Reise klickt auf Marsch der indigenen Würde.

19. April: Neues Massaker der Paramilitärs: Im Bezirk "Venustiano Carranza" überfällt die "Alianza San Bartolomé de Los Llanos" eine Gruppe Landarbeiter, die der BäuerInnenorganisation "OCEZ-Casa del Pueblo" nahestehen. Zwei Bauern können fliehen, acht werden ermordet.

April: Als Reaktion auf den zapatistischen Marsch verabschiedet die Regierung ein "Autonomiegesetz". Menschenrechtsgruppen, Indigener Kongress und EZLN lehnen dieses Gesetz vehement ab, da es die Autonomie beschneidet, anstatt sie zu ördern (-> Stellungnahme des CNI).
Der CNI kündigt an, mit der "Wiedergewinnung indigenen Landes" zu beginnen, angefangen mit 5.000 Hektar Land in Potosí Huasteca.
Die EZLN wirft Fox Verrat und Täuschung vor, fordert die Umsetzung der Vereinbarungen von San Andrés anstatt "dieser Anerkennung der Rechte und Kultur der Grossgrundbesitzer" und bricht sämtliche Gespräche mit der Regierung ab.

Mai: Weiterhin nimmt die Militärpräsenz in Chiapas zu. Die unter Medienrummel geräumten Kasernen und Stützpunkte sind wieder besetzt, Strassensperren und -kontrollen werden wieder errichtet. Neue Strassen sollen die Milärlager am Rande des Lakandonischen Urwalds miteinander verbinden und so den Belagerungsring rund um das zapatistische Gebiet zuschnüren.
In San Pedro de Michoacán beginnen die Einwohner von Guadalupe Tepeyac in aller Stille die Arbeiten zum Wiederaufbau der Gemeinde, aus der sie vor sechs Jahren von der Armee vertrieben wurden.

Juni: Zum erste Mal gibt das Militär zu, Spezialtruppen zur Aufstandsbekämpfung durch guatemaltekische Kaibiles ausbilden zu lassen, dies der Öffentlichkeit jedoch aufgrund des "schlechten Rufs" der Kaibiles verschwiegen zu haben. Die Kaibiles werden für unzählige Verbrechen gegen die Menschenrechte während des 30 Jahre dauernden Bürgerkriegs in ihrem Land verantwortlich gemacht.

Oktober: Bei den Regionalwahlen in Chiapas kommt es zu Stimmenthaltungen von knapp 60%. Beobachter berichten von massiven Wahlrechtsverletzungen, gefälschten und verschwundenen Stimmzetteln, Stimmenkauf und Manipulation. Das offizielle Ergebnis bestätigt die absolute Mehrheit der PRI bei leichten Zugewinnen für die Oppositionsparteien.

November: Die Menschenrechtsanwältin Digna Ochoa wird ermordet.


2002

Februar / März: Eine dritte internationale Kommission aus Menschenrechtsbeobachtern reist nach Mexico. Ihr ernüchterndes Resumée sieht auch nach Fox' Amtsantritt keine Verbesserungen der Situation, andauernde Verletzungen der Menschenrechte und keinerlei Anzeichen der Regierung, an einer friedlichen Lösung interessiert zu sein.

April: Mehr als 1.500 Familien aus 30 indigenen Gemeinden sollen aus ihren Dörfern in Montes Azules vertrieben werden. Die mexikanische Regierung verweist darauf, dass es sich um ein Naturschutzgebiet handle, dessen Gleichgewicht geährdet sei. Der internationale Protest gegen die Vertreibung erreicht Päsident Fox beim Weltwirtschaftsgipfel in Madrid, ährend er seine Päne zur Ausbeutung der Rohstoffe und Abholzung des Regenwaldes päsentiert.

Mai: Die Gewalt in den bitterarmen Gemeinden im Süden Mexicos eskaliert. In Santiago Xochiltepec (Oaxaca) werden 26 Bauern auf einer entlegenen Landstrasse angehalten und niedergemetzelt. Beim Menschenrechtszentrum Bartoloé Carrasco macht man vor allem staatliche Veräumnisse für die Massaker verantwortlich. Den Beörden sei es nicht gelungen, ungeklärte Landforderungen zwischen Kleinbauern und Holzfällern zu schlichten und in den verarmten südlichen Bundesstaaten Oaxaca, Chiapas und Guerrero für Recht, Ordnung und Gerechtigkeit zu sorgen.

August: Ein Sieg für die Bauern von San Salvador Atenco: Acht Monate lang kämpften die Bewohner und Bewohnerinnen der nordöstlich der mexikanischen Hauptstadt gelegenen Gemeinde gegen einen geplanten Grossflughafen auf ihrem Boden. Rund 70 Prozent des Bodens der Kommune sollten Start- und Landepisten, Parkpätzen und Einkaufszentren weichen, 345 Wohnäuser ären dem Erdboden gleichgemacht worden.
Also wehrten sich die Bauern und Bäuerinnen. Sie ernannten Atenco zur "autonomer Gemeinde im Widerstand", verjagten die örtliche Polizei sowie den Bürgermeister, der sich für den Bau ausgesprochen hatte, organisierten Autobahnblockaden, Demonstrationen und zahlreichen andere Aktionen gegen das Vorhaben der Regierung. Mitte Juli kam es sogar zu einer vorübergehenden Geiselnahme von neun Polizisten und Gefängnisbeamten, nachdem die Polizei ihrerseits mehrere Bauern verhaftet und zum Teil schwer misshandelt hatte. ür den Bauern José Enrique Espinoza, vierfacher Familienvater, Bauern kam der Geiseltausch zu sät: Er starb an den erlittenen Kopfverletzungen, da ihm im Geängnis jedeärztliche Betreuung verweigert worden war.

September: Das höchste mexikanische Gericht, der Suprema Corte de Justicia de la Nacion, schmettert die Einsprachen von 330 indigenen Gemeinden gegen das "Ley Indigena Light" ab. Damit soll auch den neoliberalen Grossprojekten im Rahmen des "Plan Puebla-Panama" Tür und Tor geöffnet und den indigenen Gemeinden kein legaler Rahmen des Einspruchs gestattet werden.
Der Kleinkrieg der Paramilitärs gegen die autonomen Gemeinden geht verstärkt weiter und fordert im Monat August vier Tote und über zwanzig Verletzte.

Dezember: Die von der Räumung durch Militär und Polizei bedrohten Gemeinschaften in Montes Azules bitten die EZLN um Unterstützung. Die 42 räumungsbedrohten Siedlungen, in denen etwa 25.000 meist zapatistische Indigenas wohnen, haben sich dazu entschieden, in den Montes Azules zu bleiben, "auch wenn dies ihr Leben kosten sollte".
In seiner Antwort warnt Marcos die Regierung, dass die EZLN im Fall von Auseinandersetzung ihre Kriegserkärung nicht erst wiederholen würden

2003

1. Januar: Nach zweijährigem Schweigen meldet sich die EZLN wieder in der Öffentlichkeit. Mehr als 20.000 Indígenas und Campesinos besetzen mit einer Grossdemonstration den völlig überfüllten Hauptplatz von San Cristóbal de las Casas, um die Botschaften der Comandantes Esther, David, Fidelia, Omar, Mister und Bruce Lee zu ören. "Wir kommen um ihnen zu sagen, dass wir hier sind und weiterhin leben. Wir haben uns nicht ergeben. Wir sind weder gespalten noch zerstritten", wenden sich die Comandantes gegen "die Lügen der schlechten Regierung". "Dieser Kampf hat kaum begonnen", sagt David in der letzten Ansprache der zapatistischen Comandantes: "Zünden wir ein grosses Licht an, damit die ölker sehen, dass wir die Rebellion weiterühren."

Januar:12 nationale und regionale Organisationen land- und forstwirtschaftlicher Produzenten schliessen sich zur Bewegung "El Campo no aguanta más" (Mehr erträgt der ländliche Raum nicht) zusammen.

April: Lino Korrodi, der Mann, der sich um die Finanzierung der Wahlkampagnen von Vicente Fox kümmert, seit dieser Gouverneurskandidat für den Bundesstaat Guanajuato war, gibt zu, dass Fox die Päsidentschaftswahl ohne das für seine Wahlkampagne benutzte Schwarzgeld nicht gewonnen hätte.

Juli: Die Wahlen zum Abgeordnetenhaus verlaufen einigermassen reguär, der zapatistischen Aufruf zum Wahlboykott senkt die Wahlbeteiligung jedoch auf peinliche 40 % (in Chiapas sogar 30 %). Das nebenächliche Ergebnis: PAN 31%, PRI 34%, PRD 18%.

9. August: Mehr als 10.000 Zapatisten feiern in Oventik den "Tod der Aguascalientes und die Geburt der Caracoles" als Beginn einer neuen Strategie des Widerstandes und Ausweitung der Autonomie.
In den fünf "Caracoles" (dt.: Meeresschnecken), die jeweils sieben municipios umfassen, befinden sich die "juntas de buen gobierno" (dt.: Räte der Guten Regierung). Diese Räte werden durch je zwei "autoridades" (MandatsträgerInnen) der municipios gebildet. Ihre Aufgaben liegen darin, für die Einhaltung der revolutionären Gesetze der EZLN und ihrer Gemeinden zu sorgen, Streitigkeiten zu schlichten, den Austausch mit der Zivilgesellschaft zu koordinieren und eine den eigenen Bedürfnissen entsprechende Verteilung der Hilfsprojekte zu erreichen.
Das Bild der Schnecke verdeutlicht die Bemühungen, eine autonome Selbstverwaltung des gehorchenden Regierens zu verwirklichen. Durch den Eingang in das Schneckenhaus, der die Tür zu einer kollektiven Entscheidungsfindung darstellt, und die Spirale des politischen Diskurses sollen alle Stimmen gehört werden, um schliesslich im Zentrum zu einem Konsens zusammenzukommen. Umgekehrt werden getroffene Beschüsse durch die Spirale des Schneckenhauses wieder in die Welt getragen.

Zur gleichen Zeit moderiert Sup Marcos das erste auf Kurzwelle international gesendete Programm von "Radio Insurgente - die Stimme der EZLN" und verkündet das Ende seiner kurzzeitigen Sprecherrolle für die Räte der guten Regierung, deren Vertreter nun bei Bedarf selbst sprechen wuerden. Ebenso kündigt er die Auflösung aller EZLN-Strassenkontrollen in Chiapas an, eine Überprüfung von Fahrzeugen erfolge nur noch beim Verdacht auf Schmuggel von Drogen, Waffen oder Edelhölzern. Dieser Entschluss sei gefasst worden, weil jede gute Regierung, so Marcos, mit der Vernunft und nicht mit der Armee regieren sollte.

15. September: Die Gipfelkonferenz der Welthandelsorganisation (WTO) in Canc?n scheitert nach einer knappen Woche unter dem Jubel zehntausender Demonstranten. Zum ersten Mal präsentieren sich die VertreterInnen der "Entwicklungsländer" selbstbewusst und fordern die Beücksichtigung ihrer Interessen. kommentar

12. Oktober: VertrerInnen der Zivilgesellschaft präsentieren das Ergebnis einer Volksbefragung, an der über 100.000 Menschen mit 99 % gegen die Freihandelsabkommen NAFTA, ALCA und den Plan Puebla Panamá aussprachen.

16. Oktober: Bartolome Salas, Mitglied des "Indigenen Volksrates von Oaxaca - Ricardo Flores Magón" (CIPO-RFM), wird während eines Überfalls von etwa 50 Paramilitärs auf die Gemeindeversammlung des kleinen Ortes Santa María Yavinche getötet, neun weitere Personen durch Schüsse verletzt. Die Angreifer erhielten laut CIPO finanzielle und logistische Unterstützung durch Jose Murat, den Gouverneur von Oaxaca, trugen Armeeuniformen und benutzten Waffen, "die exklusiv der Armee vorbehalten sind".
Kurz vor dem Angriff erst hatte der CIPO-RFM in Santa María Yavinche seine politische Autonomie von staatlichen Strukturen erklärt, "um unsere Erde zu verteidigen und gegen die Megaprojekte des Plan Puebla Panama und der Freihandelszone ALCA zu kämpfen".
Der Angriff Mitte des Monats war kein Einzelfall. Am 5. Oktober wurde Estela Ambrosio Luna von der "Koordination der Kaffeeproduzenten von Oaxaca" (CEPCO) mit vier Schüssen getötet. Am 17. August hatten "unbekannte Täter" den Rechtsanwalt Carlos Sanchez, Führungspersönlichkeit der lokalen "Arbeiter-, Bauern und Studentenkoalition" (COCEI) brutal erschlagen.

Überall dort, wo sich die Bevölkerung demokratisch und basisbezogen organisiert, antworten die lokalen und überregionalen Eliten mit der Gründung paramilitärischer Gruppen, um ihre ökonomischen und politischen Interessen zu sichern", beklagte der Aktivist und ehemalige politische Gefangene Juan Sosa. Die PRI-Regierung unter Murat, der sich öffentlich gerne als "Freund der Indígenas" präsentiert, spiele ein doppeltes Spiel, "denn sie steht in unmittelbarer Verbindung mit der paramilitärischen Gewalt". Sosa, selber Folteropfer, beklagte, dass Polizei und Militaer soziale
Aktivisten oft festnehmen, um unter Gewaltanwendung Geständnisse unterzeichnen lassen. Aufgrund dieser Dokumente würden die Menschen dann unschuldig und für lange Zeit inhaftiert. 120 Menschen bereisten als Vertreter von mehr als 20 sozialen Organisationen Ende November mehrere Regionen des Staates in einer Protestkarawane, um der Gewalt, Repression und Straflosigkeit in Oaxaca zu begegnen.


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