café Rebeldía Infos Hintergrund aktiv über uns links Bilder  
 

infos

 


News
Correos de las Americas
Articulos en español
Communiques (de | es)
Suche im Archiv

 
 

Correos

 
17.5.2003
Plan Sur: eine neue Tortillamauer in Chiapas
1.8.2002
"Landkonflikte" als Motor für den neoliberalen Umbau in Südmexiko
20.4.2002
Montes Azules: Vertreibungen im Namen von Umweltschutz und internationaler Sicherheit?
22.11.2001
Vom zivilen Widerstand zur allgemeinen Rebellion
11.11.2001
Digna Ochoa. Chronik eines angekündigten Mordes
25.4.2001
Die EZLN marschiert - und Fox pariert !?
25.4.2001
Esther stiehlt Marcos die Show
1.6.2000
Ist die "perfekte Diktatur" am Ende? Mexikanische Wahlschlachten zwischen Striptease und Säbelrasseln.
1.4.1999
Zapatistische Volksbefragung in Mexiko
31.12.1998
5 Jahre Kampf für ein selbstbestimmtes und würdiges Leben
 
« |

Esther stiehlt Marcos die Show

--- Direkte Solidarität mit Chiapas ---
25. April 2001

Der Zapatismus zog im mexikanischen Kongress ein. Doch nicht der weltbekannte Subcomandante Marcos hatte das Wort, sondern die Comandanta Esther.

Der am 24. Februar 2001 begonnene "Marsch der indigenen Würde" der EZLN, der nach Mexico Stadt aufbrach mit dem Ziel den Vereinbarungen von San Andres Nachdruck zu verleihen, hat grosse Sympathien in allen von der Karawane besuchten Gebieten geweckt. Vor allem in den Städten hat sich durch den Marsch das Bewusstsein um die Rechte der indigenen Völker verstärkt und verbreitet, was eine gute Grundlage war, um letztendlich doch noch vor dem Mexikanischen Kongress sprechen zu können. Diese Stärkung einer breit abgestützten Solidarität der Zivilgesellschaft, ist nicht zuletzt den zapatistischen Frauen zu verdanken, die in der elfköpfigen RednerInnen-Delegation von den Comandantas Esther, Fidelia und Yolanda verteten wurden.

Obwohl die halbe Welt einen Auftritt von Subcomandante Marcos erwartete, sprach an diesem legendären 28. März Comandanta Esther als erste Vertreterin der zapatistischen Delegation vor dem mexikanischen Kongress, und erteilte den werten Senatoren und Senatorinnen eine Lektion Nachhilfe zur Situation der indigenen Frauen. Am Anfang ihrer Rede teilte sie mit: "Diese Tribüne ist ein Symbol...und es ist auch ein Symbol, dass ich es bin, eine arme, indigene und zapatistische Frau, die das erste Wort haben werde...". Ein Kernpunkt ihrer Rede war die Feststellung, dass indigene Frauen in der Kette der Unterdrückten das letzte Glied bilden, weil sie nicht nur eine Last sondern eine Vielfachlast zu tragen haben.

Von guten und schlechten Bräuchen

Die verschiedenen von Comandanta Esther aufgeführten Machtmechanismen, deren Auswirkungen die indigenen Frauen betreffen, werden nicht nur von der offiziellen Politik praktiziert. Auch bestimmte traditionelle Praktiken sind diskriminierend. "Wir wissen, welche die guten und welche die schlechten Sitten und Bräuche sind: Die schlechten sind das Schlagen und Verprügeln, das Kaufen und Verkaufen von Frauen, die erzwungene Heirat gegen ihren Willen und das Verbot, an Versammlungen teilzunehmen, oder das Dorf alleine zu verlassen."
Die Frauen tragen so zwar Verantwortung für ihren Bereich, haben aber keinerlei Recht auf Mitbestimmung. Unter dem sozialen Druck werden Frauen, die sich gegen diese Bräuche wehren, nicht nur von Männern, sondern auch von anderen Frauen geächtet. Trotzdem gab es schon vor dem zapatistischen Aufstand Ansätze zu selbstbestimmtem Arbeiten in Handwerksgenossenschaften. Auf diesen Punkt machte auch María de Jesús Patricio, Abgeordnete am diesjährigen CNI (Nationaler Indigener Kongress) aufmerksam und konterte: "Uns wird immer gesagt, dass unsere traditionellen Strukturen uns als Frauen erniedrigen, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Weshalb wird so selten von den guten Bräuchen berichtet, von der gemeinschaftlichen Arbeit zum Beispiel, oder von der Konsenspolitik?"

Von offizieller Seite wird die Schuld an der Unterdrückung der indigenen Frauen also hauptsächlich den indigenen Kulturen selbst in die Schuhe geschoben, um so von ihren eigenen Untaten, wie der Praktizierung von Zwangssterilisation, abzulenken. Esther schloss im Bundeskongress diesen Kreis mit weiteren Argumenten: "Nur die Männer haben das Recht auf Land, wir haben keine Rechte...die schlechten Regierungen lehrten die Männer diese Situation."
Sie betonte weiter, dass gerade die groben Vernachlässigungen der Regierung im Gesundheitsbereich die Frauen in einer grausamen Weise trifft. "Währenddem wir kein sauberes Trinkwasser, Strom, Schulen, würdige Behausung, Strassen, Kliniken -geschweige denn Krankenhäuser - haben, sterben viele unserer Schwestern, Frauen, Kinder und Alte an heilbaren Krankheiten, Unterernährung und bei (Komplikationen bei) der Geburt ... auch wenn es Dienstleistungen in der Stadt gibt, haben wir keinen Zugang zu ihnen, weil wir kein Geld haben."

Der Zapatismus als Lebensperspektive für die indigenen Frauen

Diese interne und externe Unterdrückung trug viel zur Politisierung der zapatistischen Frauen bei. Die Lebensperspektiven, vor allem auch für junge indigene Frauen, sind stark eingeschränkt. Neben der Heirat und der Mithilfe auf den agrarischen Grossbetrieben stellt praktisch nur noch die unterbezahlte Arbeit als Dienstfrau in einem reichen Haushalt eine Alternative dar. Eine Option also, die so gesehen keine ist, weil dabei das diskriminierende Bild der Indigenas als gute Dienerinnen und Kindermädchen gefestigt wird. Dass diese Art von Arbeit ein Sprungbrett in eine höhere Gesellschaftsschicht ist, bleibt ein schönes Märchen der mexikanischen Telenovelas. In Bezug auf den von der mexikanischen Gesellschaft offen ausgelebten Rassismus erklärte Esther im mexikanischen Kongress: "Die Mestizos und die Reichen verspotten uns, wegen unserer Art uns zu kleiden, zu sprechen, unserer Sprache..."

In dieser scheinbar ausweglosen und ausgegrenzenden Situation änderte die zapatistische Bewegung vieles im Bewusstsein der Comunidades und damit eröffnete sich auch für viele indigene Frauen eine neue Perspektive. Plötzlich stand nämlich nicht mehr nur der alltägliche Überlebenskampf im Vordergrund, der eigentlich immer nur ein mühsehliges "Sich Abfinden" mit den herrschenden Gegebenheiten war, sondern die Möglichkeit, eine gemeinsame Zukunft zu erschaffen. Für viele Comunidades gewannen die kollektive Arbeit und kollektive Entscheidungsstrukturen an Bedeutung und wurden zu Symbolen ihres Kampfes. Es wurde auch als gemeinschaftliche Aufgabe betrachtet, dass Familien ihre Söhne und Töchter in die zapatistische Armee schicken. Gleichzeitig organisierten sich die "Daheimgebliebenen" in Unterstützungsbasen, den sogenannten "bases de apoyo". EZLN-Capitana Ana María, die oberste Beauftragte für die Einnahme von Sán Cristóbal im Januar 1994, berichtet, dass zu Beginn der Guerilla gerade mal zwei Frauen in einer Gruppe von dreissig Männern waren. Heute machen die Frauen einen Drittel der Armee aus und haben zum Teil verantwortungsvolle militärische Aufgaben inne.

Dass die Mitarbeit der Frauen in der politischen Organisation nicht von Anfang an selbstverständlich war, bezeugt auch die weitere Diskussion am Tisch der EZLN während dem dritten CNI über die "Rolle der Frauen im strategischen Kampf". Es kam zu verschiedenen Vorstössen zur Umgestaltung des 1993 erlassenen Revolutionären Frauen-Gesetzes. In besagtem Gesetz wird den Frauen zwar das Recht auf Bildung, gerechten Lohn und das Recht auf aktive Mitbestimmung in den Gemeinden zugesprochen, aber es fehlen eindeutig Paragraphen zur aktiven Partizipation der Frauen im Kampf. Auch innerhalb des CNI ist die Beteiligung der Frauen noch zu gering. Früchte aus dieser Diskussion sind bereits zu ernten; der CNI hat nun die Regelung einer egalitären weiblichen- männlichen Vertretung eingeführt, was einer Frauenquote von 50% entspricht. Neben der Forderung eines solchen Paragraphen wurde des weiteren eine Gleichstellungskomission innerhalb der COCOPA (Comisión de Concordia y Pacificación) beantragt. Ein weiteres Argument, das für die Annahme des COCOPA Gesetzes spricht.

Weitere Diskriminierung durch die COCOPA Gesetzesinitiative?

In der ganzen Polarisierung, die rund um die COCOPA-Gesetzesinitiative stattfand, wurde von seinen Gegnern oft argumentiert, dass diese die indigenen Frauen noch mehr marginalisieren würde. Dazu sprach Comandanta Esther den Gegnern im Kongress, sofern sie anwesend waren, ins Gewissen, dass es gerade nicht das COCOPA Gesetz sei, das die indigenen Frauen marginalisiert, sondern das bestehende. In der Verfassung sind zwar Frauenrechte verankert, aber kein Wort bestimmt die Rechte der indigenen Frauen: "Wir brauchen die gesetzliche Anerkennung unseres Kampfes, denn bisher sind wir nicht anerkannt, wir sind es, aber nur als Frauen, und auch dann nicht vollständig. Neben dem, dass wir Frauen sind, sind wir Indigenas, und als solche werden wir nicht anerkannt.(...) Unsere Rechte als Frauen sind in diesem Gesetz enthalten, so dass niemand jemals wieder unsere Teilnahme, unsere Würde und Sicherheit in jeder Art von Arbeit...verhindern kann."

Der Autritt von Comandanta Esther als Hauptrednerin im Parlament war ein gelungener Coup, der ParlamentarierInnen und Medien gleichermassen überraschte. Dass nicht der "Sup" oder ein männlicher Kommandant sprach, sondern eine Frau, ist ein starkes Symbol und auch Ausdruck der realen Kräfteverhältnisse innerhalb der indigenen Bewegungen.
Diesen Artikel drucken
Veranstaltungen