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Wenn die Börse verrückt spielt

--- Direkte Solidarität mit Chiapas ---
17. April 2005

Seit Ende der 90er Jahre verharrte der Kaffeepreis auf einem Langzeittief. Diesen Frühling sieht plötzlich alles anders aus und im fairen Handel stehen Kaffeebauern, Kooperativen und Käufer vor einem vergessenen Problem: Was tun, wenn die „Coyotes“, die lokalen Zwischenhändler, als verlängerter Arm der Spekulation den Kaffeekooperativen den Kaffee unter der Nase wegkaufen?

Plötzlich zahlen die Coyotes viel

Auf unserer alljährlichen Reise zur Kaffee-Erntezeit nach Chiapas wurden wir dieses Jahr gefragt, ob das momentane Preishoch nur ein lokales Phänomen sei oder ob der Kaffeepreis auch an der Börse anziehe. Was auf den ersten Blick wie eine belanglose Frage klingt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als profunde Kenntnis von Aufstandbekämpfung und der Börsenspekulation. Ist es doch ein wohlbekannter Vorgang, dass die Coyotes mit überhöhten Kaufangeboten den Kooperativen den Aufkauf von Kaffee bewusst erschweren. Der Übername Coyote für die Zwischenhändler kommt denn auch nicht von ungefähr. Die Coyotes sind diejenigen, die für die Grosseinkäufer vor Ort den Kaffee aufkaufen, den Kontakt zu den Bauern pflegen und die aktuelle Lage in den Anbaugebieten aus der Nähe kennen. Sie sind es, die meist die indigene Sprache der Kaffeeproduzenten sprechen, die in die entlegenen Dörfer fahren, um an den Kaffee heran zu kommen und die auch von den Grosseinkäufern mit Geldmitteln ausgestattet werden, um mit Krediten Einfluss nehmen zu können. Im kollektiven Gedächnis der Kaffeeproduzenten in Chiapas ist der Coyote derjenige, „der jedes Jahr sein Haus um einen weitere Etage aufstockt“, so die zapatistischen Bauern. Tun sich die Bauern zusammen, um diesen Zwischenhändler auszuschalten und direkt ins Ausland zu verkaufen, so kam es schon vor, dass die Coyotes versuchten, die Kooperativen auszutricksen: Sie boten den Bauern schlicht überhöhte Preise an, damit diese nicht den Kooperativen und diese folglich nicht ins Ausland verkaufen konnten. Solcherart wurden schon verschiedene Kooperativen bewusst zerstört. Dieses Szenario trifft aktuell nicht zu, die Börse hat tatsächlich rasant zugelegt - doch die katastrophalen Folgen für die Kooperativen gleichen sich.

Börsenrallye der braunen Bohne

Die Bauern wissen sehr wohl, dass ihr Preis an einem weit entfernten Ort gemacht wird und sie davon abhängen, was dort für Einschätzungen getroffen werden. Steigt an der Börse von New York oder London der Preis, steigt er auch bei den Zwischenhändlern, sinkt er, zahlt auch der Zwischenhändler weniger. Dieses Jahr kommen verschiedene Faktoren zusammen, die eine im Vergleich zu den Vorjahren komplett neue Situation schaffen (siehe Kasten). Der Preis an der Börse und im Feld, also beim Zwischenhändler, hat sich innert weniger Monate verdoppelt. In der Annahme, dass der Preis an der Börse weiter steigt, zahlten die Coyotes bereits früh einen spekulativ höheren Preis, der in die Nähe des fairen Bio-Preises kam - und dies auch für Kaffee minderer Qualität (für fairen Bio-Kaffee wird 1.41 Dollar pro englischem Pfund - 0.454 gr - bezahlt). Und im Gegensatz zu den Kooperativen können die Zwischenhändler bei der Abnahme sofort zahlen. Die Bauern sind also versucht, nicht an die Kooperative zu verkaufen und die vor Erntebeginn eingegangene Verträge nicht einzuhalten. Doch die Kooperative kann nur so viel Kaffee verkaufen, wie ihr die Mitglieder abliefern. Die mühsam aufgebauten Projekte zur Direktvermarktung drohen zu zerbrechen.

Faktoren für das Hochschnellen des Kaffeepreises:

- erwartete niedrige Ernte in Brasilien
- starke Zerstörung der Infrastruktur - und nicht der Ernte - in Sumatra durch denTsunami
- niedrige Ernte auch in Mexiko im normalen Zyklus
- aufgrund der langjährigen niedrigen Preise Vernachlässigung der Pflege und dadurch Minderertrag und Abwanderung von Kaffeebauern in die Stadt und in die USA
- gestiegene Nachfrage wegen Anstieg des Espressokonsums und steigende Nachfrage nach hochwertigem Arabica-Kaffee
- Zunehmende Spekulation in den Warentermingeschäften mit den populärer werdenden „Commodity Future Fonds“.

Ein fairer Preis für alle?

Momentan kommen alle Produzentenfamilien in den Genuss eines guten Preises, egal ob in Kooperativen organisiert oder nicht. Fairer Handel lässt sich nicht alleine an einem sogenannt gerechten Preis festmachen. Doch die Philosophie des alternativen Marktes zeigt einige Schwachstellen, wie dies anhand der Preisgestaltung klar wird. Das Konzept des fairen Handels sieht vor, dass zusätzlich zum Mindestpreis (beziehungsweise zum Börsenpreis, wenn dieser höher ist als der Mindestpreis) noch eine Prämie für die „kommunale Entwicklung“ bezahlt wird. Diese 5 US-Cents pro Pfund sollen helfen, Kooperativen- wie Gemeindestrukturen zu stärken. In Zeiten der tiefen Börsenpreise ist das ein akzeptables Angebot im Verbund mit dem Mindestpreis von 1.21 US-Cents pro englischem Pfund. Doch wenn die Börse hochschnellt, ist der ökonomische Anreiz, für diese 5 Cents den ganzen Mehraufwand der Direktvermarktung zu betreiben, einfach zu gering und der mit den Banknoten winkende Coyote hat ein leichtes Spiel.

Der vor 15 Jahren festgelegte Mindestpreis von 1.21 Dollar pro Pfund war in den letzten Jahren doppelt so hoch wie der Preis an der Börse. Den Bauern und Bäuerinnen in Chiapas schien jedoch auch dieser Mindestpreis schon lange nicht (mehr) als genügend: Der als Leitwährung verwendete Dollar soll garantieren, dass in den Kaffeeländern trotz Inflation der Preis stabil bleibt. Doch da der Dollar seit langem kränkelt, verliert er immer mehr diese Funktion. So wurde der Kaffee für Einkäufer in Euro und Schweizer Franken in den letzten Jahren immer billiger, während in Mexiko der Dollar-Kurs stabil blieb. Hinzu kommen die steigenden Lebenshaltungskosten. Obwohl ein Erdöl produzierendes Land, steigen in Mexiko die Benzinpreise an, was die Transportkosten erhöht: Für die Kinder, die per Bus zur Schule fahren, für die Kooperativenmitglieder, die an die Delegiertensitzung reisen, für die Reisen des Vorstands zur Erfüllung ihrer Aufgaben und dann noch für den Transport des Kaffees zur Verarbeitung und zum Hafen. Ein von der Dollarentwertung bereinigter neuer, flexibler Mindestpreis wäre dringend notwendig.

Neben dem höheren Preis ist ein weiteres und gar wichtigeres Ziel des fairen Handels der Aufbau von langfristigen und verlässlichen Geschäftsbeziehungen zwischen Produzenten und Käufern. So ist vorgesehen, dass bei Vertragsabschluss einige Monate vor der Ernte eine Vorfinanzierung geleistet wird, mit der die Kooperative frühzeitig anfallende Kosten und den abgelieferten Kaffee wenigsten zu einem Teil gleich bezahlen kann. Im Gegenzug ist die Kooperative verpflichtet, den Kaffee zu den abgemachten Konditionen zu verschiffen. Diese Langfristikeit ist in Verhältnissen der Armut von nicht zu unterschätzender Bedeutung – droht sich momentan jedoch ins Gegenteil zu verkehren: Die Verträge der FairTrader mit den Kooperativen wurden im letzten Herbst geschlossen, inzwischen ist der Börsenkaffeepreis über den vertraglich vereinbarten Bedingungen und die ProduzentInnen werden gezwungen, Verträge einzuhalten, die ihnen zum Nachteil gereichen – es sei denn, die Käufergruppen haben ein Nachsehen und bessern die Verträge nach. Dabei sind sich beide Seiten wie auch Börsenanalysten bewusst: Der Markt ist „extrem nervös“, die Börse „spielt verrückt“. Die krassen Ausschläge nach oben sind rein spekulativer Natur. Das Überleben als Bauer hängt jedoch von einer langfristig sicheren Einnahmequelle ab. Die Solidarität zwischen Kooperativen und solidarischen Käufergruppen muss sich unter diesen umgekehrten Vorzeichen neu beweisen. Der lokale Beobachter und Jornada-Journalist Hermann Bellinghausen bringt es auf den Punkt: „Sollten die Coyotes es schaffen, sich die ökonomische Dringlichkeit der indigenen ProduzentInnen zunutze zu machen und sich zwischen sie und die Kooperativen zu stellen, so wäre die Beziehung, die um eine Tasse Kaffee entsteht, gefährdet: Ein Begegnungsort in Austin oder Zürich, an dem über die zapatistischen Gemeinden in Chiapas diskutiert wird, eine solidarische Mobilisierung könnte sich verlieren. Auf dem Spiel stehen auch die fragilen Formen von Autonomie und Widerstand“.
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