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Normalisierung: 8000 Morde und 35’000 sexuelle Angriffe

--- zas ---
9. November 2006

aus Correos 147, November 2006

Ein schockierender Bericht in der britischen Fachzeitschrift „Lancet“ über Menschenrechtsverletzungen in Haiti konstatiert verbreitete und systematische Menschenrechtsverletzungen in Haiti nach dem Sturz des demokratisch gewählten Präsidenten im Februar 2004. Neue Zahlen über die 22 Monate dauernde Periode der von den USA unterstützten Interimsregierung ergeben, dass allein in der Region der Hauptstadt Port-au-Prince 8000 Menschen ermordet und 35’000 Frauen und Mädchen vergewaltigt oder sexuell missbraucht worden sind. Die Mehrheit der Opfer waren Kinder. Zu den dafür Verantwortlichen zählen Verbrecher, die Polizei, UNO-Peacekeepers und Anti-Lavalas-Banden.

Amy Goodman und Juan González interviewen Athena Kolbe und Royce Hutson*

Die in „Lancet“ publizierten Resultate basieren auf einer umfangreichen Haushaltsstudie von Athena Kolbe und Dr. Royce Hutson vom Dezember 2005. Kolbe hat den Master in Sozialarbeit an der Wayne State University in Detroit (Michigan, USA) gemacht, Hutson ist Assistenzprofessor an der gleichen Lehrstätte.

Amy Goodman: Athena Kolbe, diese Zahl von 8000 Ermordeten ist erschütternd. Wie kamen Sie zu diesem Ergebnis?
AK: Wir wählten 1260 Haushalte im Grossraum von Port-au-Prince nach dem Zufallsprinzip aus und befragten sie über ihre Erfahrungen mit Menschenrechtsverletzungen in der Zeit vom 29. Februar 2004 bis Dezember 2005; in diesem Monat machten wir die Untersuchung. Es stellte sich heraus, dass in diesem Zeitraum Mitglieder von 23 dieser 1260 Haushalte ermordet worden waren. Die Zahl von 8000 Ermordeten resultiert aus einer Hochrechnung auf die gesamte Bevölkerung des Grossraums von Port-au-Prince.

Juan González: Zum Begriff „nach dem Zufallsprinzip auswählen“: In Haiti, dem ärmsten Land des Kontinents, haben viele Leute keinen Telefonanschluss. Können Sie erklären, wie Sie GPS einsetzten, um zu den zufällig ausgewählten Haushalten zu gelangen?
AK: Es handelt sich um eine Studie besonderen Typs, da diese Methodologie bisher in Untersuchungen zu Public Health und Menschenrechten kaum angewandt worden ist. Sie kam ein wenig zur Anwendung in einer anderen „Lancet“-Untersuchung zum Irak, vor- und nach dem Einmarsch. Wir wählten 1500 GPS-Lokalitäten nach dem Zufallsprinzip aus und besuchten anschliessend jede einzelne. Wir eliminierten dann alle, die nicht einen Haushalt darstellten, wie etwa Ausfallstrassen vom Flughafen oder Berggelände, und interviewten danach die Leute in den verbleibenden Haushalten. Wir hatten eine Antwortrate von über 90 %, die ausserordentlich hoch ist und zeigt, dass die meisten Leute etwas zu sagen hatten und wollten, dass ihre Erfahrungen mit Menschenrechten erzählt wird.

AG: Können Sie etwas dazu sagen, wer diese Morde verübt hat?
AK: Ja. Die meisten Täter waren Kriminelle, was auf die hohe Verbrechensrate verweist. Aber es gab auch eine Reihe von Morden durch die haitische Nationalpolizei sowie durch UNO-Soldaten und ehemalige Angehörige der 1995 von Präsident Aristide aufgelösten Armee.

JG: Sie haben 23 Familien identifiziert, die Morde im eigenen Familienkreis erlebt haben. Wie kommen Sie von den Rohzahlen zu Vergewaltigungen und sexuellen Angriffen auf die erstaunliche Zahl von 35’000?
AK: Dr. Hutson kann dazu mehr sagen, da er die Zahlen vor sich hat. Aber ich glaube, es waren 93 von insgesamt 1260 Familien mit Opfern sexueller Angriffe. In einigen dieser Familien gibt es mehrere Opfer.

RH: Es waren 94 Familien, Athena. Wir nahmen also diese Zahl von 94 und extrapolierten sie auf die geschätzte Bevölkerung von Gross-Port-au-Prince, wo wir wiederum den weiblichen Anteil aufgrund unseres Datenmaterials extrapolierten. Bevölkerungsstatistiken zur Grösse des durchschnittlichen Haushalts und zum Anteil der Frauen daran gibt es eigentlich nicht. So mussten wir diese Grössen selber konstruieren. Von diesen konstruierten Grössen ausgehend, extrapolierten wir unsere Befunde auf den Grossraum von Port-au-Prince. So gelangten wir zur Zahl von rund 35’000 weiblichen Opfern von sexuellen Angriffen.

JG. Dr. Hutson, diese Zahlen sind so aufwühlend, dass sie natürlich von vielen Leuten in Frage gestellt werden, da darüber in der Vergangenheit so nicht berichtet wurde. Laut Ihren Zahlen wurden über die Hälfte der Morde von Regierungskräften und Anti-Lavalas-Gruppen ausgeführt, und der grosse Rest mehrheitlich von Kriminellen, von denen sehr wenige Lavalas-Unterstützer sind. Etwa ein Viertel der Vergewaltigungen wurde von Regierungskräften, entweder Polizei oder Anti-Lavalas-Gruppen, verübt. Klar, Ihre Studie wurde einer Peer-Review unterzogen, sie wurde im „Lancet“ publiziert, aber was antworten Sie denen, die sagen, dass Sie auf der Basis einer sehr kleinen Zahl von Interviewten extrapolieren?
RH: Nun, ich würde sagen, so klein ist diese Zahl nicht. Es waren 1260 Haushalte mit 5720 Angehörigen. In der Umfragemethodologie gilt das als ziemlich grosse Zahl. Was die Angaben zu den Tätern betrifft, haben wir zum Beispiel besonders darauf geachtet, dass die BefragerInnen nicht mit Lavalas oder anderen Parteien liiert sind, um die Studie unparteiisch zu halten. Natürlich existiert die Möglichkeit, dass Leute sagen, jemand habe ihnen etwas angetan, ohne dass das zutrifft. Aber wir fanden heraus, dass das vermutlich nicht der Fall war, denn die Angaben erstrecken sich über eine ganze Bandbreite von Anti-Lavalas-Gruppen – die demobilisierten Militärs, die Polizei – die, würde ich sagen, nicht eine einzige Entität darstellen. Es handelt sich um unterschiedliche Gruppen.

AG: Nur zum Verständnis: Lavalas sind die Pro-Aristide-Kräfte. Aristide wurde 2004 in einem von den USA unterstützten Putsch entmachtet. Wir sprechen über die Zeit danach.
RH: Wir entdeckten keine Lavalas-Grausamkeiten in Sachen Mord und Vergewaltigung. Wir entdeckten einige physische Angriffe und bedrohliches Verhalten von Lavalas-Mitgliedern. Sie sind also punkto Menschenrechtsmissbrauch nicht völlig freigesprochen. Aber, wie der Interviewer vorher bemerkte, eine grosse Anzahl der Grausamkeiten, die nicht auf das Konto von Kriminellen gehen, wurden von Gruppen verübt, die mit den Anti-Lavalas-Kräften zu tun haben.

AG: Athena Kolbe, wer sind die Restaveks?
AK: Restaveks sind unbezahlte Hausmädchen. Es sind Kinder, meist vom Land, die in die Stadt kommen und in Haushalten für Unterkunft und Verpflegung arbeiten. Wir fanden heraus, dass Restavek-Mädchen dem Risiko sexueller Angriffe besonders ausgesetzt sind, mehr als andere Kinder, obwohl Kinder im Allgemeinen einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind, aber auch mehr als erwachsene Frauen.
Wenn man so viele sexuell angegriffene Restaveks hat – und wenn wir von sexuellen Angriffen reden, meinen wir nicht einfach Belästigungen oder dass dich jemand sexuell betatscht – in über 90 % der Fälle unserer Studie involvierte sexueller Angriff die Penetration. In einigen der Fälle waren mehrere Täter involviert oder Penetration mit einem Gegenstand, etwa aus Metall. Das waren sehr brutale sexuelle Angriffe, die wir aufzeichneten. Und wenn man sich diese hohe Zahl von Kindern anschaut, die durch Polizisten sexuell angegriffen wurden, und speziell diese besonders verletzbare Gruppe von Kinderbediensteten, dann beginnt man sich wirklich zu fragen, was genau während der Interimsregierung in Sachen sexueller Angriffe auf Kinder durch Polizisten vorgegangen ist.

JG: Und wie steht es mit der Internationalen Friedenstruppe? Haben Sie Anhaltspunkte für Menschenrechtsverletzungen durch diese Kräfte gefunden?
AK: Gewiss. Auch wenn die Rate niedriger war, als manche vielleicht erwartet hatten, fanden wir doch hohe Raten für bedrohliches Verhalten, für Morddrohungen, Drohung von sexueller und körperlicher Gewalt. Und mit Drohungen meinen wir nicht einfach ein auf dich gerichtetes Gewehr, denn wenn man ein friedenserhaltender Soldat ist, trägt man ein Gewehr. Wenn du es auf Leute richtest, können das Leute als Bedrohung interpretieren. Wir klassifizierten das nicht als Bedrohung. Sondern etwas Verbales, wie zum Beispiel: „Mach das und das, oder ich bring dich um“, wo die Leute den Eindruck bekamen, ihr Leben oder das ihrer Angehörigen sei akut bedroht.

* Ausgestrahlt im alternativen US-Programm Democracy Now, 31.8.06: Shocking Lancet Study: 8000 Murders,
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